Wenn es draußen trüb und regnerisch ist, hören wir folgenden Satz wieder besonders oft: „Bei dem Wetter bekommt man Depressionen“. Schon diese Aussage zeigt, wie wenig anerkannt die Ernsthaftigkeit dieser Krankheit auch heute noch in der Gesellschaft ist. Viele Leute verbinden mit Depressionen einfach nur ein Stimmungstief oder eine schlechte Phase.

Dass die Erkrankung unendlich viele Gesichter hat und unter Umständen eben mit dem Tod enden kann, nimmt kaum einer wirklich ernst. Mit ein Grund, warum die Betroffenen oft ein Geheimnis aus ihrem Leiden machen. Die Akzeptanz in unserer Gesellschaft für Menschen, die unter Depressionen leiden, hält sich sehr stark in Grenzen. Dieses trägt dazu bei, dass auch heute noch viele Leute ihre Krankheit verdrängen oder nicht offen damit umgehen können und wollen. Wer möchte schon ständig hören: „Ist doch alles halb so schlimm, kein Grund zum traurig sein“ oder „du hast ja wieder eine Laune“.

Niemand würde auf die Idee kommen, einem Krebspatienten zu sagen: „Ach, stelle dich nicht so an, jeder hat mal Schmerzen“ Dass aber eine Depression mitunter die Seele eines Menschen genau so zerfrisst, wie ein Tumor die Lunge, die Niere oder sonst ein befallenes Organ, ist für die meisten Menschen nicht greifbar. Denn anders als Krebs oder auch andere physische Leiden, hat eine Depression erst einmal keine sichtbaren Auswirkungen, die von Außenstehende wahrgenommen werden können.

Unverständnis über Suizide und heftige Beschimpfungen in sozialen Netzwerken

Ein großes mediales Interesse am Thema Depressionen gab es 2009. Damals nahm sich Nationaltorwart Robert Enke das Leben. Zwar hatte es auch zuvor in der Fußballwelt mit Sebastian Deisler einen Fall von Depressionen mit größerem öffentlichen Interesse gegeben. Aber der Suizid von Robert Enke brachte die Berichterstattung erst richtig ins Rollen. Seine Frau ging auf einer Pressekonferenz bewundernswert offen mit dem Thema um. Allerdings eben erst nach seinem Tod.

Sonnenuntergang, Foto: reportsan.de

In dem Buch „Ein allzu kurzes Leben“ über Robert Enke, das sein Freund Ronald Reng geschrieben hat, wird deutlich, dass Enke schon lange mit Depressionen zu kämpfen hatte. Seine große Angst war, dass etwas durchsickert und öffentlich wird. Vorab hätte niemand vermutet, dass dieser erfolgreiche Mensch, dem es im Grunde an nichts fehlte, so schwer krank ist. Natürlich: Die Öffentlichkeit wusste um den Verlust seiner kleinen Tochter. Aber genau so hatte man den Eindruck, dass er das sehr gut aufgearbeitet hatte. Bei der Weltmeisterschaft 2010 sollte er die Nummer eins im deutschen Tor sein und auch sonst war er ein beliebter Sportler bei Hannover 96 und allgemein bei Fußballfans und Verantwortlichen. Damals hatten viele die Hoffnung, dass der Tod von Enke die Menschen für diese Krankheit sensibilisieren könnte. Seine Frau gründete anschließend die „Robert Enke Stiftung“ und setzt sich bis heute für eine höhere Akzeptanz von Depressionen in der Gesellschaft und Hilfe für Betroffene ein. Doch der Effekt verpuffte schnell. Jedes Jahr zum Todestag Enkes, wenn in den Medien wieder darüber berichtet wird, häufen sich die Kommentare von Leuten, die Unverständnis äußern.

Er wird als „feiger Kerl“ bezeichnet, der seine Familie im Stich gelassen hat und das Leben des Lokführers zerstört hat. Dieses sind noch die harmloseren Aussagen. Jegliche Versuche, diesen Leuten das Krankheitsbild von Depressionen näher zu bringen, schlagen fehl. Meistens werden dann diese User auch noch persönlich angegriffen. Ein weiterer Vorwurf in Diskussionen der sozialen Netzwerke ist oft, dass die Betroffenen einfach ihr Leben weggeworfen haben und andere, die krank sind, so gerne leben möchten. Auch diese Aussage zeigt, dass Depressionen nicht als Krankheit wahrgenommen werden. Kaum jemand weiß um die langjährigen Therapien, die depressive Menschen hinter sich haben und die ab und an genau so wenig greifen, wie eine Chemotherapie bei einigen Krebspatienten. Reng hatte in seinem Buch auch die Anmerkung, dass die Bezeichnung „Freitod“ bei Suiziden als Folge von Depressionen nicht zutreffend ist. Denn nicht die Erkrankten haben freiwillig den Tod gewählt, sondern die Krankheit hat die Oberhand bekommen und die Betroffenen in den Suizid getrieben.

Die Ignoranz der Gesellschaft kann für jeden von uns gefährlich werden

Die Tatsache, dass Depressionen jeden treffen können, verbietet eigentlich jegliche Ignoranz und Verurteilung. Egal wie toll das eigene Leben ist oder für Außenstehende scheint. Es ist kein Schutz vor Depressionen. Erst vor kurzem nahm sich mit Chester Bennington (Sänger der Gruppe „Linkin Park) ein weiterer Star das Leben. Auch jemand, von dem man meint, er hat ein tolles Leben, er hat Geld, Erfolg, Familie. Bei so jemandem gibt es für viele einfach keinen Grund, sich umzubringen. Und trotzdem war die Krankheit am Ende Sieger. Doch die Gesellschaft verdrängt gerne. Jeder von uns versucht diese Gedanken zur Seite zu schieben. Depressiv sein ist nichts anderes als schwach sein. So denken viele noch heute.

Dass diese Ignoranz, das Herunterspielen und das Unverständnis aber auch Gefahren für gesunde Menschen birgt, zeigen erweiterte Suizide. Und dafür müssen diese Leute nicht mal in einer Beziehung zu einem depressiven Menschen stehen:

Es ist der 24.03.2015 als die Nachricht vom Absturz einer Germanwings Maschine auf ihrem Weg von Barcelona nach Düsseldorf ganz Deutschland schockt. Noch schockierender aber die Erkenntnis, die kurz darauf folgt. Co Pilot Andreas Lubitz hat den Flieger absichtlich zum Absturz gebracht. Schon während seiner Ausbildung zum Piloten hatte er sich wegen psychischer Probleme in ärztliche Behandlung begeben. In der Presse und von vielen Usern sozialer Netzwerke wurde er als Mörder betitelt. Natürlich ist das Unverständnis groß und in erster Linie wird an die vielen unschuldigen Menschen gedacht, die in der Maschine saßen. Aber kaum einer hinterfragt seine eigene (wenn auch noch so kleine Mitschuld) an solchen Taten und sieht, dass im Prinzip auch Lubitz selber ein Opfer war. Vielleicht könnten viele Suizide verhindert werden. Vielleicht würden sich mehr Menschen schon früher Hilfe holen, wenn sie nicht befürchten müssten, Probleme im Job oder mit ihrem Umfeld zu bekommen. Die Öffentlichkeitsarbeit zur Aufklärung über Depressionen muss weiter gehen und zum Ziel haben, dass diese Krankheit irgendwann von der Gesellschaft so anerkannt wird, wie Krebs. Denn sie ist genau so heimtückisch und gefährlich. Jeder von uns kann an Krebs erkranken und daran sterben. Genau so kann jeder von uns an Depressionen erkranken und daran sterben. Dieser Tatsache sollte sich jeder Einzelne von uns bewusst sein.